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Kirche Dresden Briesnitz

12.12.2012

Restaurierung Altarraum Kirche in Dresden Briesnitz

Der Kirchenraum als Gesamtkunstwerk

Rekonstruktion einer Farbfassung aus dem 19. Jahrhundert in der Kirche Dresden Briesnitz
Eine ehrwürdige Tür öffnet uns den Blick in den historischen Kirchenraum der Briesnitzer Kirche. Der Raum erhält seinen besonderen Charme durch die gut erhaltenen bunten Glasfenster sowie die hölzernen Emporen. Es ist etwas Besonderes, in die Geschichte einer alten Kirche einzutauchen. Je länger man sich von dem Raum einnehmen lässt, desto mehr erschließt sich einem das Gebäude. Der Wunsch der Kirchgemeinde, den Altarraum der Kirche Briesnitz und später auch das Kirchenschiff zu renovieren, gab uns Anlass zu einer restauratorischen Voruntersuchung. Allerdings war die Kirchgemeinde der Annahme, keine Veränderungen vorzunehmen, sondern den Altarraum wieder rein weiß streichen zu lassen. Wir nahmen unsere Arbeit vor Ort auf, um Fassungen aus früheren Zeiten zu finden. Die geschichtliche Dokumentation zur Kirche in Dresden-Briesnitz reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Der älteste Teil der Kirche ist der Altarraum, dessen Triumphbogen und das Gewölbe des Altarraums aus dem Mittelalter stammen. Vermutlich wurden bei der Renovierung der Kirche im 19. Jahrhundert der gesamte Innenputz oder zumindest große Teile erneuert. Aus diesem Grund konnten wir nur wenige Spuren aus dem Mittelalter nachweisen. Es befinden sich Reste blauer und orangener Farbe auf den Gewölberippen sowie eine rote Farbschicht auf der Sandsteinkonstruktion der Maßwerkfenster.
Maßgeblich für die heutige Renovierung des Kirchenraumes ist, trotz der sehr langen Geschichte der Kirche, die Fassung aus dem 19. Jahrhundert. Das liegt daran, dass der Dresdner Architekt und Baumeister Johann Gotthilf Möckel in den Jahren 1882/83 die Kirche gesamtheitlich, und zwar sowohl an der Bauhülle als auch im Inneren der Kirche gründlich renovierte. Möckel gestaltete die Kirche im neogotischen Stil, wobei der Kirchturm fast vollständig neu errichtet wurde. Das Kirchenschiff bekam einen neuen Dachstuhl und darunter ein gemauertes Gewölbe. Die Kirche wurde innen neu verputzt sowie Emporen, Orgel, Altar, Gestühl und Kanzel im Zeitgeschmack des 19. Jahrhunderts neogotisch gestaltet. Betrachtet man die Details der Gestaltung, so erkennt man, dass der Baumeister wohl nichts dem Zufall überlassen wollte. Daher befinden sich ornamentale Verzierungen des Gestühls in ähnlicher Form an den Emporen und am Altar. Der Raum wurde als Gesamtkunstwerk begriffen und jedes Detail individuell in die Raumgestaltung eingefügt. Besonders interessant war die Sichtung alter Planungszeichnungen von Möckel im Kirchenarchiv. Die erste Abbildung (Abb. 1) zeigt eine Bleistiftzeichnung für die Befestigung des Chorteppichs als Vorgabe für den ausführenden Handwerker. Der für uns wohl bedeutendste Fund im Archiv waren jedoch zwei von J.G. Möckel handsignierte Fotoaufnahmen aus dem Inneren der Kirche. Sie entstanden direkt nach der Renovierung 1882 und zeigen einmal den Blick in die Kirche Richtung Orgel und einmal Richtung Altarraum. (Abb. 2)
Ergebnisse der restauratorischen Voruntersuchung
Es ist uns gelungen, fast alle Details der Archivbilder auch anhand von Befundstellen zu belegen. Da die Fotos nur schwarz-weiß sind, benötigten wir also noch die originale Farbgebung sowie genaue Maße für eine Rekonstruktion. Die Abbildungen 3 und 4 zeigen einige Befundstellen. Die freigelegten Befundfenster gaben Auskunft über das damals verwendete Bindemittel. Die gesamte Gestaltung wurde mit Leimfarbentechnik ausgeführt. Daher gestaltete es sich schwierig die originale Ausmalung nachzuweisen. Dennoch fanden wir die Bossengliederug der Fenster unter einer Putzausbesserung. Der Zementmörtel wurde zum Verputzen eines Risses noch vor dem Abwaschen der Fassung von 1883 aufgetragen. Auf diese Weise blieb die Farbigkeit und Gliederung der Bossensteine erhalten. Besonders gut waren die farbig gefassten und vergoldeten Kreuzungspunkte der Gewölberippen bewahrt. So konnten sie später freigelegt, gereinigt und retuschiert werden.
Ausführungskonzept und dessen Ausführung
Eine Herausforderung stellte der Untergrund dar. Nach Entfernung der obersten Leimfarbenschicht zeigte sich eine feste Zerrine-Wachsfarbe. Zwei Argumente sprachen gegen die Farbentfernung: erstens ist die Farbe nur mit scharfen Abbeizern entfernbar und zweitens bleiben mögliche Befunde darunter erhalten. Unsere Anstrichoberfläche ist dicht und uneben, bedingt durch die neuen und alten Putzausbesserungen. Beim Putz selbst handelt es sich um einen reinen Kalkputz mit Zusatz von Hydraulefaktoren (Holzkohle). Fehlstellen und aufgenommene Risse wurden mit entsprechendem Kalkputz ergänzt. Als Anstrichaufbau haben wir uns für Keim-Biosil entschieden. Dabei diente ein Anstrich mit Keim-Kontact als Haftbrücke. Die 0.3 mm Körnung der Farbe mit Quarzsandanteil gleicht Unebenheiten optisch an und imitiert eine Putzstruktur auf der sonst eher glatten Oberfläche.
Gemäß der Entscheidung der Kirchgemeinde wurde das Gestaltungskonzept von Johann Gotthilf Möckel wieder aufgenommen. Voraussetzungen boten die Archivfotos sowie die freigelegten Befundstellen. Für die Rekonstruktion der Fassung von Möckel konnten fast alle Farbtöne und Gestaltungselemente im Voraus freigelegt werden. Nach Abstimmung mit der Kirchgemeinde und dem Landesamt für Denkmalpflege wurde die Farbigkeit an den heutigen Zeitgeschmack angepasst und dadurch deutlich aufgehellt.
Zu den einzelnen Gestaltungselementen
Die Kreuzungspunkte
Nachdem die Leimfarbe von den Sandsteinrippen völlig entfernt war, zeigten sich die gut erhaltenen Kreuzungspunkte. Die im Wechsel rot, grau, grün und ocker gefassten Rippenteile sind an der Unterseite vergoldet. Das Gold war nach der Freilegung in einem erstaunlich guten Zustand. Nach entsprechender Reinigung erfolgte die Retusche und teilweise die Übermalung der Kreuzungspunkte. Hierbei haben wir ausschließlich mit reversibler Methylzellulose als Bindemittel und mit lichtechten Pigmenten gearbeitet. Auch die angrenzenden Rippenflächen sind nur dünn mit Leimfarbe lasiert, sodass sich die darunter liegenden Kalkfarbenschichten leicht wieder freilegen lassen. (Abb.5) Zahlreiche blaue und orange Farbreste an den Gewölberippen gehen vermutlich bis ins Mittelalter zurück. Sie belegen die frühe Gestaltung der Gewölberippen auf besondere Art und Weise.
Die Bossengliederung als Fensterrahmung
In der Fassung von 1882 waren alle Fenster mit aufgemalter Steinimitation gestaltet. Die im Wechsel rot und grau lasierten Bossen zeigen ein Porphyrgestein, diese sind durch rote Striche ähnlich der Fugen optisch voneinander getrennt.
Für die Bossengliederung der Fensterumrahmung konnten die Farbigkeit und Gliederung einer sehr hilfreichen Befundstelle entnommen werden. Auch in diesem Fall wurde die originale Farbigkeit aufgehellt. Die originalen Befundstellen wurden anschließend mit Japanpapier geschützt und überarbeitet. (Abb. 6)

Schablone entlang des Wandabschlusses
Das ockergestrichene Gewölbe hebt sich mit seiner Helligkeit nur wenig von dem blaugrauen Wandanstrich ab. Als deutliche Trennung gliedert ein Schablonenfries den Übergang zum Gewölbe. Ein entsprechender Befund konnte im Kirchenschiff gesichert werden. Die Abbildung (Abb.7) zeigt diesen Befund, der sehr schön die Form und Farbigkeit aufzeigt. Alle Rekonstruktionen von Ornamenten und Stichen sind passend zum Farbsystem in Silikattechnik ausgeführt.
Zwickelmalerei
Die Zwickelmalerei füllt die dreieckigen Gewölbeflächen, wo die Gewölberippen zusammenlaufen. Da ihre genaue Gestaltung nicht mehr nachweißbar ist, haben wir uns an einer Postkartenaufnahme, in Richtung Turmhalle fotografiert, orientiert. Die zu gestaltenden Felder sind kleiner als im Kirchenschiff, daher wurden diese zurückhaltender strukturiert. Das Motiv wurde mit Pauspapier und Kohle aufgepaust und aufgemalt.
Der Blattfries entlang der Gewölberippe
Für die Gestaltung der Gewölbeflächen ließen wir uns von handsignierten Bildern des Architekten leiten. In jeder Gewölberippe rankt sich in alle Richtungen ein Blattfries, welcher an seinem unteren Ende in eine Zwickelmalerei ausläuft, wobei sich der erste rotbraune Strich entlang der Gewölberippe zieht. Er dient als Schattenlinie und grenzt die Rippen von der Gewölbefläche ab. Auf dem darauffolgenden Ritzer liegen die Blätter auf, der den Blättern einen optischen Zusammenhalt verleiht.
Die Sockelgestaltung
Die noch aus der Zeit von 1882 stammenden Haken entlang des Sockelbereiches und eine Fotografie von Möckel weisen auf einen Wandbehang mit einem Teppich hin. Das Original ist jedoch nicht mehr vorhanden. Die Kirchgemeinde entschied sich aus praktischen Gründen gegen einen solchen Stoffbehang, weil während der zahlreichen Konzerte die Akustik des Raumes eingeschränkt würde. Für die Gestaltung des Sockelbereiches existiert derzeit eine Probe, wobei die endgültige Umsetzung noch aussteht. Bei der Gestaltung des Sockels haben wir die momentane Gestaltung der Emporenfüllungen wieder aufgenommen. Hierbei handelt es sich um einen stilisierten Faltenwurf der in ockerfarbenen und braunen Tönen gestaltet ist. Auch hierbei stand uns für die Umsetzung der Probe zusätzlich eine Handskizze von G.L. Möckel zur Verfügung.( Abb.8)
Eine gelungene Zusammenarbeit
Während der Restaurierung des Altarraumes der Briesnitzer Kirche ist es einmal mehr gelungen unsere Kollegen in das Projekt einzubinden. Für die Putzarbeiten wurde Herr Frenkel beauftragt. Die Sandsteinarbeiten an den Gewölberippen führte die Firma Geith aus und die Restaurierung der Wasserauffangbehälter übernahm die Firma Ostmann und Hempel. Alle Firmen sind Mitglieder der „Landesgruppe Sachsen der Restauratoren im Handwerk“.
Nun bleibt zu hoffen, dass das gelungene Gestaltungkonzept auch im Kirchenschiff fortgesetzt werden kann.


Cornelius Hugk, Kirchenmalermeister,
Firma: Malerei und Restaurierung, Joachim Hugk
Dresden 2011 / 2012


Probeachse Vorschlag der Farbfassung nach der Vorlage einer alten Fotographie von 1898Farbfassung
Schablonenmalerei Cornelius Hugk mit Detailmalerei
Farbproben
Ornamentmalerei
Foto mit Signatur von Möckel


 
© Malerei & Restaurierung